

+++UPDATE 26. April 2012+++
Mit der iPhone und Android App Die Macht schmeissen wir als AppAdvisors auch unseren Hut in den Ring der TV-Apps. Die Macht unterscheidet sich von den unten aufgeführten Beispielen in einem auf das Notwendigste reduzierten Funktionsumfang: der Zuschauer der Talkshow rundshow des Bayerischen Fernsehens kann mit der Macht in die Sendung hineinregieren: er stimmt über die Frage des Tages ab, applaudiert, ruft “Buh”, kommentiert und lädt Fotos und Videos hoch. Kurzum: er nimmt an der Sendung teil. Zu erleben ab 14. Mai im Bayerischen Fernsehen.
Ein Smartphone, ein Tablet und ein Fernsehgerät – so sieht die Kommunikations- und Entertainmentausstattung der kommenden Jahre aus, folgt man der herrschenden Meinung. Und irgendwie werden diese Geräte zusammenarbeiten: auf der Kommunikationsebene soll man beispielsweise auf dem Smartphone chatten und den Chat als Videochat aufs TV-Gerät verlängern können. Im Entertainmentbereich sollen Smartphones wie Tablets das bisherige passive Fernsehen interaktiv gestalten: ähnlich dem Social Web sollen im Social TV Nutzer ihre Meinungen über laufende Fernsehbeiträge austauschen und aktiv in Live-Sendungen eingreifen können. Wieviel davon ist bereits möglich und was wird vom Fernsehzuschauer angenommen?

Abb. 1: US Connected Devices, Quelle: Nielsen
Aussagekräftige Daten zum Einsatz von Smartphones, iPad & Co. während des TV-Konsums sind rar: Immerhin verwenden zwei Drittel der US-Amerikaner während des Fernsehens ein Smartphone bzw. Tablet (Abb. 1). Ebenso werden während des TV-Konsums offensichtlich soziale Bedürfnisse durch die Kontaktaufnahme innerhalb der jeweiligen Freundeszirkel gestillt (Abb. 2) – vielleicht lassen zukünftige psychologische Studien einen Versuch der Kompensation verlorengegangener Kommunikation beim passiven kommunikationsarmen Fernsehen erkennen.

Abb. 2: Nutzungsarten von Twitter und Facebook beim TV-Konsum, Quelle: TVGuide.com
In Grossbritannien surfen 76% der Fernsehzuschauer mit einem mobilen Endgerät im Internet, während sie ihre Lieblingssendung ansehen. In den USA setzen dies 80% der TV-Zuschauer parallel zum Fernsehkonsum ihr Smartphone ein, fast alle – 94% – verschicken parallel Textnachrichten oder nutzen Soziale Netzwerke.

Abb. 3: Multiscreen, Quelle: razorfish
Was genau kann man sich unter Social TV vorstellen? David Wesson bietet einen schönen Überblick:

Abb. 4: Social TV, Quelle: David Wesson
Dabei wird bereits beim ersten Blick deutlich: Fernsehen soll nicht mehr das sein, was es einmal war: eine einfache, passive Tätigkeit, bei der man sich berieseln lassen konnte und bei der die einzige Tätigkeit im Programmwechsel via Fernbedienung lag. Relevante Elemente des Social Web wie Community, Interaktivität und Gamification halten Einzug ins Fernsehzimmer.
Welche Arten von Apps sind es nun, die Fernsehzuschauer einsetzen?
Apps zum fernsehen
Die erste Kategorie der TV-Apps stellen Apps dar, mit denen man frei oder kostenpflichtig empfangbare Fernsehprogramme auf Smartphones und Tablets sehen kann. Im Mutterland der Unterhaltung bieten mittlerweile zahlreiche Fernsehsender kostenlose Apps an – die meisten für das iPad. Vorreiter in punkto TV-Serien ist ABC mit seinem ABC Player. Über die App können Serien wie Modern Family, Grey’s Anatomy, No Ordinary Family, Desperate Housewives und andere Shows in voller Länge kostenlos gesehen werden. Mit einer 4,5 Sterne-Bewertung bei über 600 abgegebenen Stimmen hat ABC mit der aktuellen Version der App einen Volltreffer gelandet – die Stimmen zu den ersten Versionen aus dem Jahr 2010 waren vergleichsweise kritisch.
Im Nachrichtenbereich setzen Time Warner und CNN den Maßstab: Live Streaming ermöglicht das Verfolgen aktueller Nachrichten in realtime auf dem iPad. Während Time Warner sogar die Bedienung des Videorecorders über die App ermöglicht, muss man Kabelkunde im Unternehmen sein, um den Livestream empfangen zu können.
Aus dem Kreis der nationalen TV-Anbieter in den USA fehlen lediglich Fox und CBS mit eigenen iPad Apps. Das in Deutschland herrschende Rundfunksystem zwingt die Anbieter hierzulande andere Wege einzuschlagen. Während Privatsender wie ProSieben mit der kostenlosen ProSieben für iPad , RTL mit dem kostenpflichtigen (3,99 EUR) RTLNow , n-tv mit seiner Nachrichten App mit seiner sowie das öffentlich-rechtliche ZDF mit seiner ZDFMediathek schlecht bis mittelmäßig bewertete Apps ins Rennen schicken, bietet die große Schwester ARD zumindest mit ihrem Nachrichten-Angebot Tagesschau App anscheinend das, was die Nutzer verlangen. ZDF und ARD können dabei nicht so, wie sie wollen: die Abrufbarkeit der Inhalte ist zeitlich begrenzt – das App-Angebot selbst wird kritisch betrachtet, da es sich zunehmend mit dem Rundfunkstaatsvertrag beißt.
Während die oben beschriebenen TV-Apps jeweils nur das Angebot des entsprechenden Senders zeigen, bieten die App von Zattoo Live Streams in 40 Kanälen an. Möchte man eine optimale Bildqualität und auf Werbeeinblendungen verzichten, sind 3,99 Euro monatlich fällig.
Eine Besonderheit bietet die iPhone App Justin.tv: 2.500 Live Channels können angesehen werden. Ein Live Channel kann dabei auch ein Angebot eines Nutzers sein, der ein Event mit seinem iPhone aufnimmt und dies live überträgt. Nachdem Justin.tv bereits 4,99 Dollar kostet und in der aktuelle Version zusätzlich Werbebanner einblendet, sparen die Nutzer nicht mit kritischem Feedback zur ansonsten gut (4 Sterne) bewerteten App:
Allen bisher genannten Apps ist gemein, dass für die Darstellung von Live Streams eine schnelle Internetverbindung bzw. WLAN erforderlich ist. Wer auch unterwegs nicht auf seine Lieblingsserie verzichten möchte, ist mit einem weiteren Stück Hardware – dem mobilen TV-Empfänger Tizi gut bedient. Der Tizi stellt eine eigene WLAN-Verbindung mit einem iPhone oder iPad her und ermöglicht dem Empfang derjenigen Sender, die per GPS-Ortung am jeweiligen Ort des Nutzers empfangbar sind.
Video: Tizi im Einsatz, Quelle: appstory.tv
Social TV Apps
Der Philosoph Peter Sloterdijk sagte einmal im Philosophischen Quartett, dass Fernsehen die “Versammlung der Nicht-Versammlungsfähigen in rhythmischen Strukturen” sei. Während TV hier für die “rhythmischen Strukturen” steht, werden diese in Sozialen Medien aufgelöst: die dort vorherrschende asynchrone Kommunikation erhält erst in dem Moment ihre Rhythmik, in dem durch das Medium Fernsehen die Versammlungsanlässe vorgegeben werden. Wird während einer TV-Show gechattet, “zähmt” TV die Sozialen Medien und ein bis dato eindirektionales Medium wird interaktiv.
Derzeit bieten Facebook und andere Im Unterschied zu den o.g. Apps zum fernsehen haben die sogenannten Social TV Apps die Interaktion der Fernsehzuschauer untereinander im Sinn: Zuschauer bewerten Inhalte, teilen ihren Freunden mit, welche Sendungen sie gerade ansehen und Chaoten während des Schauens miteinander. Lieblingssendungen werden empfohlen und auf den Inhalten basierende Umfragen werden beantwortet.
Auch bei diesen interaktiven Mitmach-Apps liegen die Kollgen in den USA klar auf den ersten Plätzen: während hierzulande noch darüber philosophiert wird, ob der Couch Potato Fernsehzuschauer im Kreise seiner idealtypischen Nachkriegs-Kleinfamilie überhaupt zu eigenen Aktionen befähigt ist, bieten Apps wie Into Now, Miso, BeeTV, Tunerfish , SnappyTV, Yap.tv und Getglue allerlei Interaktionsmöglichkeiten. Bis auf IntoNow (4,5 Sterne) werden jedoch auch diese Apps eher mittelmäßig bewertet.
Getglue beschreibt sich selbst nicht als App, sondern gar als Social Entertainment Network: denn nicht nur TV-Inhalte, sondern auch Kinofilme, Musik und Bücher können von Getglue-Nutzern bewertet und einander empfohlen werden. Der Clou: mit jeder Aktivität addiert der Nutzer Punkte auf sein Konto, die ab einer bestimmten Höhe in Give-Aways der Getglue Partner eingetauscht werden können.
Das gerade zur Demo Fall Conference 2011 gestartete Fav.tv geht einen etwas anderen Weg: man möchte die Nutzer nicht während des TV-Programms, sondern vor und nach der Sendung als interaktive Programmzeitschrift dienen. Fav.tv-Chef Mondelli sieht die Wünsche des Fernsehzuschauers im Konsum, nicht in zusätzlicher Aktivität. Dabei wird ebenfalls im Unterschied zu den o.g. Apps auf Funktionen und Features verzichtet: Fav.tv-Nutzer können weder in eine Sendung einchecken, noch erhalten sie Badges oder Punkte für ihre Aktivitäten. Der Nutzen von Fav.tv besteht eher im Management des eigenen TV-Konsums: SMS oder email-Benachrichtigungen sorgen dafür, dass keine Show verpasst wird.
In Kürze werden wir mit Umami eine weitere Social TV App sehen, die vor kurzem Risikokapital erhielt und nach ersten Aussagen mit Getglue und Miso vergleichbare Funktionalität anbieten wird.
UPDATE: Stefanie Aßmann und Stephan Röbbeln wollen anhand der Oscar Verleihung aufzeigen, welche interaktiven Möglichkeit Social TV bietet. Dazu haben sie sich mit Couchfunk zusammengetan und begleiten das Highlight der Filmbranche in der Nacht vom 26. auf 27. Februar via Web-App.
In London ist der KaZaA Architekt und technische Kopf hinter dem BBC iPlayer, Anthony Rose, ebenfalls dabei, TV neu zu erfinden. Mit einem Team von nicht weniger als 30 ehemaligen BBC iPlayer Entwicklern und einer soliden Finanzierung i.H.v. 5 Millionen Dollar plant er den Launch von Zeebox im Oktober dieses Jahres. Nach allem, was bisher über das weitgehend unter Verschluss gehaltene Start-up zu hören ist, soll Zeebox aus TV-Inhalten einen Index bilden – ähnlich dem einer Suchmaschine im Web. Durch Tagging und Suche können Inhalte miteinander referenziert und dem Zuschauer ähnlich zielgerichtet präsentiert werden, wie es beispielsweise Google mit Suchergebnissen und Werbeeinblendungen macht.
In Deutschland sieht es auf dem Gebiet der Social TV Apps mager aus: Die mit immerhin 4 Sternen hoch bewertete waydoo iPhone App ist gewissermaßen das deutsche Getglue – zumindest was die bewertbaren Entertainment-Inhalte TV-Programm, Kinofilme, Musik und Bücher anbelangt.
Allen Social TV Apps gemein ist die zentrale Annahme, dass TV-Zuschauer während und insbesondere aufgrund von Fernsehprogramm miteinander in Kontakt treten, diskutieren und sich gegenseitig Inhalte empfehlen wollen.
Betrachtet man gerade diesen Aspekt etwas genauer, stellt sich nicht nur der Couch Potato Aspekt: Wollen (traditionell passive) TV-Konsumenten aktiv werden?, sondern es stellt sich auch die Frage nach dem konkreten Nutzen für den Anwender: Während einer Sendung chatten und sich über deren Inhalte austauschen geht auch ohne spezielle Social TV Apps – das ist an den bekannten Beispielen Twitter und Facebook in Verbindung insbesondere mit dem sonntäglichen Krimi Tatort sowie dem Dauerbrenner DSDS zu beobachten. Auf beiden Social Networks herrscht bereits Minuten vor Programmstart eine rege Betriebsamkeit, die zum Ende der Sendung in einem Nutzungshoch gipfelt und erst lange nach Ende der Sendung gänzlich abebbt – wie in folgender eigener Abbildung zu erkennen:

Abb. 5: Twitter und Facebook im Deutschen Fernsehen, Quelle: Appadvisors
Nicht nur die Kommunikationsmöglichkeit für den Zuschauer selbst ist hieran spannend, sondern auch aus Perspektive des Fernsehsenders bietet Twitter enorme Möglichkeiten der Kommunikation und Vermarktung von TV-Inhalten:
Video: Twitter TV

Abb. 6: Twitter – Social TV Best Practices, Quelle: David Wesson
Die Möglichkeit zum Netzwerken war demnach bereits gegeben und wurde auch genutzt. Was Twitter & Co. gegenüber den spezifischen Social TV Apps vermissen lassen, ist das Einchecken in einzelne Sendungen und die sich daraus ergebende automatische Verknüpfung von Nutzern mit gleichen Entertainment-Interessen. Während der Tatort-Twitterer darauf hoffen muss, dass sein Twitter-Netzwerk den Krimi ebenfalls ansieht, wird der Social TV App Nutzer zu Gleichgesinnten geführt. Hier entstehen neue Social Graphs auf der Basis von Interessen. Dieser Aspekt ist in der Tat neu und könnte dafür sorgen, dass aus Social TV Apps ganze Social Entertainment Networks entstehen.
Eine neue Perspektive: Die App als Fernbedienung
Wir wären aber nicht in Deutschland, wenn wir uns nicht nocheinmal die Frage stellten: Will der TV-Konsument das alles? Will er sich nicht lieber entspannt auf dem Sofa zurücklehnen und berieselt werden? International scheint man sich darin einig zu sein, dass die Wahrheit in der Mitte liegt: Soziale Interaktion ist ein gewünschtes und eine zwingend bereitzustellende Funktion modernen Fernsehens, ein zuviel an “aufgezwungener” Aktivität wirkt jedoch abschreckend.
Oder will er gar eine ganz andere Art von App? Beispielsweise eine App, mit der er nicht “nur” mit seinem Social Graph kommunizieren, sondern über die er in Kontakt mit der Sendung treten kann? Früher war die Fernbedienung die Verlängerung des menschlichen Willens hin zum Fernsehapparat – mit dem “Zappen” als Kunstform. Könnte der Fernbedienungs-Gedanke – angewendet auf Apps – von großem Nutzen für den Zuschauer sein, und gerade deshalb den Couch Potato aus seiner Lethargie locken, weil er beim Fernsehen mitmachen kann? Die Fernbedienungs-App?











Sehr interessanter Artikel! Vor allem der Teil über das hinterherhinkende Deutschland trifft den Kern – erst nach und nach erkennt der deutsche Medien- und Fernsehmarkt, dass in Social TV die Zukunft liegt.
Allerdings gibt es auf jeden Fall auch schon Ansätze dem Abhilfe zu schaffen. ZUm Beispiel haben mit http://www.GetTuned.In und http://www.Zapitano.de gleich zwei Social TV Start-Ups bei der Venture Lounge der Medienwoche gewonnen! Das heißt doch auch schon mal was, oder? Keine Ahnung wann dann tatsächlich auch die Apps dazu erscheinen sollen, aber ich persönlich werde das auf jeden Fall im Auge behalten.